Versorgungsprogramm „Pflege im Blick“: Vernetzung stärkt geriatrische Versorgung

Es ist Freitag, 14:00 Uhr. Elfriede Paulsen (86, Name geändert) wird aus dem Krankenhaus entlassen. Mit dabei hat sie einen vorläufigen Entlassungsbericht mit Informationen über die notwendige Medikation. Nur: die verschreibungspflichtigen Medikamente, der Vorrat für das Wochenende, fehlen. Eine Situation, die recht häufig vorkommt, Pflegedienste und -heime aber zum Verzweifeln bringt.

„Finden Sie am Freitag Nachmittag mal einen Hausarzt, dem Sie den Entlassungsbericht übergeben können und der dann die notwendigen Behandlungsschritte einleitet“, sagt Thomas Glas vom ambulanten Pflegedienst „medicur“ in Hamburg Billstedt. „Und ohne Rezept kommen wir an die Medikamente nicht heran.“ Die Folge: Die Patientin wird wieder zurück ins Krankenhaus geschickt. Ein unhaltbarer Zustand, leider aber zu oft Realität für viele Patienten.

Das weiß auch Dr. Claudia Klemp, Ärztin für Allgemeinmedizin in Billstedt. Sie engagiert sich im Ärztenetz Billstedt-Horn, nimmt regelmäßig an den von der Gesundheit für Billstedt/Horn angebotenen Qualitätszirkeln für Ärzte und Pflegepersonal teil. „Ich möchte das Handeln der Pflege verstehen und in meinen Entscheidungen auch verstanden werden.“

Dafür seien Vernetzung, Austausch und gemeinsame Fortbildungen für Ärzte und Pflegepersonal, auch mit dem Blick auf Angehörige, unverzichtbar, damit es den Menschen in ihrer letzten Lebensphase gut gehe. Auch die Intensive Einbeziehung und Schulung von Angehörigen gehöre zu dem Projekt „Pflege im Blick“, sagt Klemp. „Viele Angehörige gerade in diesen Stadtteilen sind überfordert und hilflos. Sie brauchen Beratung im administrativen, medizinisch/pflegerischen und auch ethischen und psychosozialen Bereich.“

„Pflege im Blick“ ist ein Projekt der Gesundheit für Billstedt/Horn UG: hier arbeiten 12 Pflegeeinrichtungen, davon 4 Pflegeheime, 5 ambulante Pflegedienste, 3 Tageseinrichtungen sowie zwei Krankenhäuser gemeinsam daran, die Pflegesituation in Billstedt und Horn nachhaltig zu verbessern.

Im Pflegeheim Kursana Domizil in Hamburg Billstedt zum Beispiel haben sich auf Initiative von Projektleiterin Katharina Grüttner die Heimleitung, der für das Heim zuständige Hausarzt und ein Diabetologe für eine Bündelung und Vernetzung der Diabetes-Behandlung entschieden.

Alle drei Monate kommt ein multiprofessionelles Team aus Pflegekräften, Wundberatern, NäPa2 und Haus- und Fachärzten für einen Tag im Heim zusammen und behandeln ca. 25 Patienten. Vor jedem Behandlungstag findet eine gemeinsame Besprechung unter Einschluss der Pflegedienstleitung statt.

Diese interdisziplinäre Zusammenarbeit ist einer der Kernpunkte des Programms „Pflege im Blick“.
Jörg Borgwardt ist Pflegedienstleiter im Kursana. „Vor allem die Wundversorgung und die Einstellung auf die Insulinversorgung laufen jetzt viel effektiver für die Patienten und das Personal“, sagt Borgwardt.

Die früher notwendigen Praxisbesuche durch Krankentransporte fallen weg, eine erhebliche Kostenreduzierung. Und: „Die Mitarbeiter bekommen jetzt regelmäßige Schulungen in Wundversorgung und Ernährungsfragen. Damit können wir auch in der Prophylaxe gezielter und wirkungsvoller arbeiten.“

Für Frau Grüttner sind dies entscheidende Weichenstellungen auch für Kosteneinsparungen in der Pflege, die auch im Sinne der Kostenträger sind. Grüttner: „In den letzten zwei Jahren ist da sehr viel Vertrauen gewachsen. Wir haben schon viele Grundsteine gelegt, sind aber noch lange nicht am Ziel.“ Entscheidend sei, dass die Arbeit jetzt über die nächsten Jahre fortgesetzt werden könne. Dann, so Grüttner, könne Pflege im Blick beispielhaft für unser gesamtes Pflegesystem werden.

Zur Aktuelles-Übersicht